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DIE ILLUSION DER BILLIGEN ZUKUNFT.

Wer lange in einer bestimmten Wirklichkeit lebt, hält sie irgendwann für normal. Nicht, weil es naiv ist, sondern weil Normalität vor allem aus Wiederholung entsteht.

 

Über viele Jahre wiederholte sich in Deutschland und in weiten Teilen Europas eine Realität:

 

Geld war billig. Man konnte es sich leihen, ohne dass der Preis dafür besonders schmerzte. Kredite kosteten wenig, manchmal so wenig, dass der Zins fast nebensächlich wirkte. Beim Hauskauf, beim Autokredit, bei der Unternehmensfinanzierung stand selten die Frage im Vordergrund: Was kostet mich dieses Geld insgesamt? Viel häufiger ging es um eine andere Frage: Wie hoch ist die monatliche Rate? Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Tatsächlich verändert er viel.

 

Menschen denken selten in Gesamtsummen. Sie denken in Belastungen. Kann ich das tragen? Passt das in mein Leben? Bleibt genug übrig? Eine niedrige Rate macht große Entscheidungen kleiner. Ein Hauskauf wirkt erreichbarer, ein neues Auto vernünftiger, eine Investition weniger gewagt. Aus einer Summe, die eigentlich Respekt auslösen müsste, wird ein Betrag, der sich in den Alltag einfügt.

 

400.000 Euro Schulden, für ein Haus zum Beispiel, klingen abstrakt. Eine Monatsrate wirkt hingegen konkret.

 

Darin lag die Kraft der Niedrigzinszeit bis 2022. Begonnen 2009, nach der globalen Finanzkrise 2008, nahm sie großen Zahlen den Schrecken. Sie übersetzte Zukunft in Gegenwart und Risiko in Planbarkeit. Viele Menschen haben in dieser Zeit nicht leichtsinnig gehandelt. Sie haben unter den damals neuen Bedingungen entschieden, die ihnen vorlagen. Und diese Bedingungen sagten:

 

Geld kostet wenig. Wer sich etwas aufbauen will, sollte die Gelegenheit nutzen.

 

Es wäre jedoch zu einfach, diese Jahre im Nachhinein nur kritisch zu betrachten. Niedrige Zinsen haben geholfen. Sie haben Familien in Häuser gebracht, Selbstständigen Investitionen ermöglicht, Unternehmen getragen und Staaten Zeit verschafft.

 

Wer heute über das Ende des billigen Geldes spricht, sollte nicht so tun, als sei diese Zeit nur eine Täuschung gewesen. Sie war auch eine Chance. Aber Chancen verändern den Blick auf Risiko. Wenn Geld wenig kostet, fühlt sich Verschuldung anders an. Nicht unbedingt gefährlich, eher wie ein Werkzeug. Ein Kredit ist dann nicht nur eine Verpflichtung, sondern ein Hebel. Man setzt fremdes Geld ein, um etwas zu erreichen, das mit dem eigenen Geld allein nicht möglich wäre. Das kann klug sein. Das kann notwendig sein. Und es kann Wohlstand schaffen.

 

Doch ein Hebel wirkt in beide Richtungen.

 

Solange die Zinsen niedrig bleiben, die Preise steigen und das Einkommen stabil ist, bestätigt sich die Entscheidung immer wieder selbst. Das Haus gewinnt an Wert. Die Rate bleibt tragbar. Das Unternehmen wächst. Die Anlage steigt. Die Rechnung geht auf. Wer so plant, fühlt sich nicht waghalsig. Er fühlt sich vernünftig. Mit der Zeit entsteht daraus eine Grundannahme, die sogar stärker ist als jede Finanztheorie: Nämlich, es wird schon weitergehen.

 

Nicht unbedingt als bewusster Satz. Eher als Haltung: "Immobilien werden nicht günstiger." "Geld bleibt verfügbar." "Die Bank wird schon finanzieren." "Das Gehalt wird schon steigen." "Der Markt wird sich wieder erholen." "Der Staat wird zur Not eingreifen." "Irgendjemand wird die Bedingungen stabil halten."

 

So wird eine historische Ausnahmesituation zur gefühlten Normalität. Niedrige Zinsen wirkten irgendwann wie ein Naturgesetz. Dabei waren sie nie eines. Sie waren das Ergebnis wirtschaftlicher Entwicklungen, politischer Entscheidungen, Krisenreaktionen, globaler Kapitalströme und geldpolitischer Strategien. Aber wer seinen Alltag organisiert, lebt nicht in Zentralbankprotokollen. Er lebt mit dem, was bei ihm ankommt. Und angekommen ist über viele Jahre vor allem das:

 

"Die Kredite sind günstig." "Eigentum ist teuer, aber finanzierbar." "Sparen bringt wenig." "Wer Geld nur liegen lässt, verliert Möglichkeiten." "Wer investieren will, muss mehr Risiko in Kauf nehmen." "Wer Vermögen aufbauen will, sollte nicht zu lange warten." Das prägte Entscheidungen.

 

Manche Menschen kauften früher, als sie es sonst getan hätten. Manche kauften größer. Manche nahmen längere Laufzeiten in Kauf. Manche verzichteten auf Rücklagen, weil die Rate gerade noch passte. Unternehmen investierten in Wachstum, bevor sicher war, ob dieses Wachstum sich selbst tragen würde. Anleger suchten Rendite dort, wo sie früher vielleicht vorsichtiger gewesen wären, zum Beispiel in Immobilien oder überbewerteten, US-lastigen ETF´s.

 

Und noch einmal: Nicht alles davon war falsch. Aber vieles wurde durch billiges Geld leichter begründbar. Billiges Geld zwingt niemanden zu einer bestimmten Entscheidung, aber es macht manche Entscheidungen plausibler. Es verschiebt die innere Grenze zwischen mutig und normal, zwischen solide und knapp, zwischen geplant und gewettet. Vor allem schiebt es in den Gedanken: "Es machen ja Alle so."

 

Das Risiko verschwindet dadurch nicht. Es zieht nur leiser an. Es steht nicht mehr sichtbar im Raum. Es wartet eher viel mehr darauf, dass sich eine Annahme verändert. Der Zins. Das Einkommen. Die Bewertung. Die Mieteinnahme. Die Baukosten. Die Inflation. Der Verkaufspreis. Die Gesundheit. Die Beziehung. Das Leben. Solange nichts davon kippt, sieht die Entscheidung stabil aus. Erst wenn eine dieser Größen sich bewegt, zeigt sich, wie knapp die Rechnung wirklich war.

 

Das ist keine moralische Frage. Es geht nicht darum, im Nachhinein mit dem Finger auf Menschen zu zeigen, die Kredite aufgenommen, Immobilien gekauft, Unternehmen gegründet oder investiert haben. Viele haben getan, was in ihrer Situation nachvollziehbar war. Manche haben genau richtig gehandelt. Andere hatten Pech. Wieder andere haben zu viel Vertrauen in Bedingungen gesetzt, die nicht dauerhaft sein mussten.

 

Genau deshalb lohnt immer der Blick zurück.

 

Denn die Niedrigzinszeit hat nicht nur Konten, Kredite und Vermögen beeinflusst. Sie hat unser Denken verändert. Sie hat uns daran gewöhnt, dass Zukunft finanzierbar ist, dass Wachstum wahrscheinlicher ist als Stillstand, dass Zeit für Schuldner arbeitet, solange die Rate niedrig bleibt und der Wert des Gekauften steigt.

 

Vielleicht war das der eigentliche Luxus dieser Jahre, nicht das billige Geld selbst, sondern das Gefühl, dass Entscheidungen weniger endgültig sind. Wenn ein Kredit günstig ist, lässt sich ein Fehler leichter aushalten. Wenn Vermögenswerte steigen, kann man manche Ungenauigkeit übersehen. Wenn Geld reichlich vorhanden ist, werden Schwächen verdeckt. Man muss nicht jede Frage sofort beantworten. Man kann nachfinanzieren, umschulden, verlängern, wachsen, verkaufen oder einfach warten.

 

Eine Welt mit billigem Geld gibt vielen Dingen Aufschub. Doch Aufschub ist nicht dasselbe wie Lösung.

 

Heute, da Geld wieder einen Preis hat, zeigt sich deutlicher, welche Entscheidungen wirklich tragfähig waren und welche nur unter besonders günstigen Bedingungen funktioniert haben. Das ist ganz sicher unbequem, doch ist es auch aufschlussreich. Denn diese neue Lage zwingt uns, genauer zwischen Wert und Preis, zwischen Besitz und Belastbarkeit, zwischen Wachstum und Finanzierung zu unterscheiden.

 

Ein steigender Immobilienwert fühlt sich nach Wohlstand an. Ein großes Haus kann nach Wohlstand aussehen. Ein wachsendes Depot, ein neues Auto, ein expandierendes Unternehmen, ein hoher Unternehmenswert: All das kann Ausdruck von Wohlstand sein.

 

Es kann aber auch Ausdruck günstiger Bedingungen sein.

 

Wohlstand ist nicht nur das, was man besitzt. Wohlstand ist auch das, was man tragen kann. Das ist der Unterschied. Wer ein Haus nur halten kann, solange der Zins extrem niedrig bleibt, besitzt eine andere Art von Sicherheit als jemand, dessen Finanzierung auch unter schwierigeren Bedingungen tragfähig ist. Wer ein Unternehmen nur finanzieren kann, solange Kapital billig ist, hat ein anderes Geschäftsmodell als jemand, dessen Erträge die Kosten decken. Wer Konsum über Raten stabilisiert, lebt anders als jemand, der Spielraum hat.

 

Das bedeutet nicht, dass Schulden schlecht sind. Es bedeutet nur, dass Schulden ehrlich betrachtet werden müssen.

 

Die Zeit, in der Geld fast nichts kostete, hat vielen Menschen Möglichkeiten eröffnet. Sie hat aber auch Maßstäbe verschoben. Sie hat Preise steigen lassen, ohne dass immer Werte gewachsen sind. Sie hat Risiken kleiner erscheinen lassen, ohne sie zu beseitigen. Und sie hat eine Vorstellung von Normalität erzeugt, die vielleicht nie so stabil war, wie sie wirkte.

 

Wenn wir verstehen wollen, warum sich heute so vieles anders anfühlt, müssen wir genau dort beginnen: bei der alten Selbstverständlichkeit, dass Geld verfügbar war, günstig war und vieles möglich machte. Erst dann wird die eigentliche Frage sichtbar:

 

War das wirklich Wohlstand oder nur günstige Finanzierung?

 

„Erst wenn der Rückenwind nachlässt, zeigt sich, wie weit man aus eigener Kraft kommt.“

 

Daniela Sommerhoff